Warum sie immer bei den Frauen anfangen

Antifeminismus ist kein Nebenschauplatz des Rechtsextremismus, sondern sein Einstieg. Über die Parallelen zwischen NS-Familienpolitik und AfD-Programm – und was beides mit deiner Rente zu tun hat.

Es ist dieses Grinsen.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, signiert ein Spiegel-Cover. Das Magazin hat ihn Mitte August auf die Titelseite gesetzt, mit der Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Er verteilt die signierten Hefte als Giveaways – auf einem „AfD-Familienfest“ in Klötze. Gegenüber einem Reporter der Welt nennt er das Cover „sehr gute Werbung“. Auf X spottet er, er verrate nach der Wahl, was die Partei für die Titelseite bezahlt habe.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Seine Partei liegt in Umfragen bei über 40 Prozent. Der Landesverband wird vom Verfassungsschutz des Landes seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft – unter anderem, weil er programmatisch von der Ideologie des Ethnopluralismus durchdrungen sei und auf ethnisch reine Gesellschaften ziele. Siegmund erwägt inzwischen öffentlich, diesen Verfassungsschutz im Fall eines Wahlsiegs abzuschaffen.

Und er grinst. Selbstgefällig, entspannt, siegessicher.

Was mich daran wütend macht, ist nicht das Grinsen. Es ist, dass er recht hat.

Er hat recht damit, dass ihm das nützt. Er hat recht damit, dass wir ihm die Bühne bauen. Und meine Kinder wachsen in einem Land auf, in dem diese Partei behandelt wird wie jede andere: eingeladen, interviewt, betitelt, diskutiert. Als wäre sie eine Option unter mehreren.

Ich schreibe hier normalerweise über ETFs und Rentenlücken. Heute schreibe ich darüber, warum das dasselbe Thema ist.

Antifeminismus ist keine Meinung. Er ist eine Ideologie

1902 veröffentlichte Hedwig Dohm ein Buch mit dem Titel „Die Antifeministen“. Sie war eine der Ersten in Deutschland, die für das Frauenwahlrecht kämpften, und eine der Ersten, die argumentierten, dass sich Frauen und Männer nicht von Natur aus unterschiedlich verhalten, sondern weil sie unterschiedlich erzogen werden. Von ihr stammt der Satz: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

Und ihr Befund gilt 124 Jahre später noch: Hinter all den Argumenten über Natur, Familie und weibliche Bestimmung steckt keine Sorge. Es steckt die Verteidigung von Machtansprüchen.

Die Soziologin Rebekka Blum hat das 2019 in „Angst um die Vormachtstellung“ für den deutschen Antifeminismus systematisch aufgearbeitet. Ihre zentralen Punkte:

  • Antifeminismus ist eine eigenständige Ideologie, kein Nebenprodukt. Er formierte sich im Kaiserreich im Kampf gegen das Frauenwahlrecht – gegen genau die Sache, für die Hedwig Dohm gerade schrieb.
  • Er funktioniert als ideologische Klammer zwischen konservativen, christlich-fundamentalistischen und (extrem) rechten Strömungen.
  • Antifeministische Wellen treten verstärkt auf, wenn bestehende Machtstrukturen infrage gestellt werden. Nicht wenn es Frauen schlecht geht. Wenn es ihnen besser geht.
  • Er ist eng verflochten mit Antisemitismus, Rassismus und LSBTQIA*-Feindlichkeit.
  • Und der deutsche Antifeminismus hat historisch eine völkische Komponente.

Das Ziel, das Blum benennt: Frauen auf ihre mögliche Mutterschaft und auf das Private festzuschreiben.

Nicht: Frauen sollen es schön haben zu Hause. Sondern: Frauen sollen dort bleiben.

Warum völkische Politik immer bei den Frauen anfängt

Jetzt der Teil, den man wirklich genau lesen muss, weil die verkürzte Version falsch ist.

Die verkürzte Version geht so: „Die Nazis wollten, dass Frauen viele Kinder bekommen.“ Das ist zu einfach, und die feministische Geschichtswissenschaft hat es längst korrigiert.

Die Historikerin Gisela Bock hat in „Zwangssterilisation im Nationalsozialismus“ (1986) gezeigt: Die NS-Geschlechterpolitik war eben nicht nur pronatalistisch. Sie war gleichzeitig antinatalistisch. Auf Grundlage des Sterilisationsgesetzes wurden in elf Jahren rund 400.000 Menschen sterilisiert, etwa die Hälfte davon Frauen, viele gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen. Bocks Punkt: Zwang und Gewalt lagen nicht im vermeintlichen „Gebärzwang“, sondern in der Verhinderung von Geburten bei den Frauen, die als „minderwertig“ aussortiert wurden.

Das ist der Kern jeder völkischen Ideologie: Nicht „Frauen sollen Kinder bekommen“, sondern „der Staat entscheidet, welche Frauen Kinder bekommen sollen.“ Die einen bekommen ein Mutterkreuz, die anderen eine Zwangssterilisation. Das ist keine Familienpolitik. Das ist Bevölkerungspolitik – und Frauen sind darin kein Adressat, sondern ein Instrument.

Dazu kam die ökonomische Seite, und die ging schnell. Am 1. Juni 1933, nicht einmal ein halbes Jahr nach der Machtübernahme:

  • Das „Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“ enthielt einen eigenen Abschnitt mit dem Titel „Überführung weiblicher Arbeitskräfte in die Hauswirtschaft“.
  • Das darin verankerte Ehestandsdarlehen – bis zu 1.000 Reichsmark – gab es nur, wenn die Frau ihre Stelle aufgab und keine neue annahm. Pro Kind wurden 25 Prozent der Schuld erlassen. Vier Kinder, Schulden weg. Der Volksmund nannte es „abkindern“.
  • Bereits im April 1933 begrenzte ein Gesetz den Anteil von Frauen unter den Studienanfängern auf 10 Prozent. Rebekka Blum bringt es auf den Punkt: Die erste Frauenquote der deutschen Geschichte war eine Negativquote.

Bis Ende 1935 verschwanden auf diesem Weg rund eine halbe Million Frauen aus der Erwerbstätigkeit.

Die ökonomische Entrechtung war kein Nebeneffekt der Ideologie. Sie war das Instrument. Eine Frau ohne eigenes Einkommen kann nicht gehen. Sie kann nicht widersprechen, nicht klagen, nicht neu anfangen. Abhängigkeit ist billiger als Zwang.

Was davon im AfD-Programm steht

Jetzt wird es unbequem, deshalb hier vorweg, wie ich vorgehe: Ich vergleiche nicht Personen, ich vergleiche Texte. Ich zitiere aus dem Grundsatzprogramm der AfD von 2016, das weiterhin gilt, und ich sage bei jedem Punkt dazu, wo der Unterschied liegt. Alles andere wäre billig – und falsch.

Parallele 1: Geburten als Bevölkerungspolitik

Im Grundsatzprogramm folgt auf das Bekenntnis zur „traditionellen Familie als Leitbild“ ein Abschnitt mit der Überschrift „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“. Darin steht, den demografischen Fehlentwicklungen müsse entgegengewirkt werden, Einwanderung sei dafür kein geeignetes Mittel, stattdessen brauche es „eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“.

Lies das Wort noch einmal: einheimisch.

Es geht nicht um mehr Kinder. Es geht um mehr Kinder von den richtigen Frauen. Genau die Sortierung, die Gisela Bock beschrieben hat – nur ohne die Instrumente von damals.

Der Unterschied: Im AfD-Programm steht kein Zwang. Keine Sterilisation, kein Berufsverbot. Was dort steht, sind Anreize. Die Parallele liegt nicht in den Mitteln, sondern im Denkrahmen: Geburten werden als Sache des Volkskörpers behandelt, nicht als Entscheidung einer Frau. Sobald dieser Rahmen einmal gilt, ist die Frage, welche Frau erwünscht ist, nur noch eine Frage der Umsetzung.

Parallele 2: Abkindern

Und dann steht da dieser Satz, über den ich zweimal lesen musste.

Das Grundsatzprogramm fordert, Eltern sollten zum Erwerb von Wohneigentum zinslose Darlehen erhalten, deren Schuldsumme sich mit jedem neugeborenen Kind vermindert.

1933: Ehestandsdarlehen, 25 Prozent Erlass pro Kind. 2016: zinsloses Darlehen, Schuldenerlass pro Kind.

Der Unterschied: Das Ehestandsdarlehen war an die Bedingung geknüpft, dass die Frau ihre Arbeit aufgibt. Diese Bedingung steht im AfD-Programm nicht. Es geht außerdem um Wohneigentum, nicht um Hausrat.

Aber der Mechanismus ist derselbe: Der Staat kauft Geburten mit Schuldenerlass. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet dieses Instrument, für das es in Deutschland ein historisches Vorbild und sogar ein historisches Wort gibt, unkommentiert in einem Parteiprogramm wieder auftaucht.

Parallele 3: Der Abbau der Gleichstellungs-Infrastruktur

1933 begann es mit einer Negativquote von 10 Prozent für Studentinnen und einem Gesetz, das verheiratete Beamtinnen entbehrlich machte.

Die AfD lehnt in ihrem Grundsatzprogramm das „Gender-Mainstreaming“ als ideologische Beeinflussung ab. In Programmen und Beschlüssen auf Landesebene finden sich weitergehende Forderungen: Ende der Gender-Studies, Abschaffung von Gleichstellungsbeauftragten, Ende von Quotenregelungen.

Der Unterschied: 1933 waren das Gesetze mit sofortiger Zwangswirkung. Heute sind es Forderungen in Programmen. Natürlich ist das ein Unterschied.

Die Frage ist trotzdem berechtigt: Was kann eine Frau tun, wenn sie klagen muss – und es die Stelle, an die sie sich wenden will, nicht mehr gibt?

Und was klingt, als wäre es gut für Frauen

Das Schlimme ist: Nicht alles in diesem Programm klingt feindselig. Es gibt Vorschläge zu einem Familiensplitting. Es gibt die Forderung, wer Kinder großgezogen habe, solle früher in Rente gehen dürfen. Zum Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt gehört ein „Baby-Begrüßungsgeld“.

Das klingt nach Anerkennung von Sorgearbeit. Und genau deshalb kommt es bei den Leuten auch gut an.

Aber schau, wohin das Geld fließt: nämlich an das Modell. Belohnt wird die Konstellation, nicht die Person. Wer aus der Konstellation herausfällt – durch Trennung, Tod oder Gewalt – fällt aus der Förderung heraus.

Ich bin da rausgefallen. Mein Sohn war zweieinhalb.

Und jetzt die Rechnung

Silvia Federici hat 1972 die internationale Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ mitbegründet. Es ging nie darum, Hausfrauen ein Gehalt zu zahlen. Es ging darum, sichtbar zu machen, dass hier überhaupt gearbeitet wird – und dass diese Arbeit zur angeblich natürlichen Eigenschaft des weiblichen Charakters erklärt wurde, damit man sie nicht bezahlen muss.

Genau da liegt die Verbindung.

Jede antifeministische Forderung hat ein Preisschild. Immer. Und es steht immer auf derselben Rechnung.

„Zurück zur Familie“ heißt: weniger Erwerbsjahre. Weniger Erwerbsjahre heißen: weniger Rentenpunkte. Weniger Rentenpunkte heißen: Altersarmut mit 70.

Das ist keine Meinung. Das ist Mathematik.

Die Lücke ist heute schon da: Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes lagen die eigenen Alterseinkünfte von Frauen ab 65 zuletzt rund 36 Prozent unter denen der Männer. Mit Hinterbliebenenrenten sind es etwa 24 Prozent – aber „Hinterbliebenenrente“ heißt: abgeleitet vom Erwerbsleben eines Mannes. Also genau die Abhängigkeit, um die es hier die ganze Zeit geht.

Und das ist der Stand nach Jahrzehnten Gleichstellungspolitik. Nicht davor.

Warum ich das Grinsen nicht loswerde

Zurück zum Cover.

Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat die Titelseite verteidigt: Relevanz sei das oberste Kriterium, nicht die Frage, wem eine Geschichte nütze oder schade. Er berief sich auf Rudolf Augsteins Satz, man müsse sagen, was ist. Siegmund sei aktuell eine hochrelevante Figur, weil ein AfD-Ministerpräsident dieses Land verändern würde.

Ich verstehe das Argument. Ich halte es trotzdem für falsch.

Ein Cover berichtet nicht nur, es erhebt. Es sagt: Hier ist die Hauptfigur. Und das Ergebnis konnte man diese Woche besichtigen: Der „gefährlichste Mann Deutschlands“ verteilt seine Gefährlichkeit signiert auf einem Familienfest. Die Warnung wurde zum Werbemittel. Ein Etikett, das schockieren sollte, wurde zum Statussymbol.

Die Mitte-Studie 2024/25 der Friedrich-Ebert-Stiftung („Die angespannte Mitte“) nennt genau das: eine Normalisierung antidemokratischer und menschenfeindlicher Aussagen bis weit in die Mitte hinein. In derselben Studie fordern 11 Prozent der Befragten, Frauen sollten sich „wieder mehr auf die Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen“. Die Abwertung von trans Menschen ist mit 19 Prozent weiter gestiegen.

Elf Prozent klingt nach wenig. Bei rund 70 Millionen Erwachsenen sind das Millionen Menschen, die finden, dein Platz sei zu Hause.

Und was daraus im Alltag wird, dokumentiert die Meldestelle Antifeminismus (seit 2025 bei Lola für Demokratie e. V.). Aus dem Lagebild 2025, veröffentlicht im Juli 2026:

  • 640 Vorfälle wurden als antifeministisch eingestuft, nach 558 im Vorjahr. Von 2023 auf 2024 waren die Meldungen um 50 Prozent gestiegen.
  • 204 Meldungen über verbale Übergriffe – doppelt so viele wie im Vorjahr.
  • 11 geplante oder umgesetzte Anschläge, vor allem Brandstiftungen und Angriffe mit Waffen.
  • 169 Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen: Frauenverbände, Gewaltschutzeinrichtungen, Kinder- und Jugendhilfe, Bildungsprojekte. Ein Höchststand.

Damit die Zahlen ehrlich bleiben: Das sind Meldungen, keine Kriminalstatistik, und ein Anstieg kann auch heißen, dass mehr Menschen wissen, wo man meldet. Der ernstere Befund steckt woanders: Es steigt nicht nur die Zahl der Angriffe, sondern auch die Gewaltbereitschaft dahinter.

Das ist die Strecke. Von einem Programmsatz über ein Cover und ein Familienfest bis zu 169 angegriffenen Beratungsstellen.

Was das für dich heißt – konkret

Ich habe keine Lust, diesen Artikel mit Ohnmacht zu beenden. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, und Ohnmacht ist ein schlechter Ort, um Entscheidungen zu treffen.

1. Deine eigene Absicherung ist politisch. Ein eigenes Konto, ein eigenes Depot, eine eigene Rente. Das ist nicht nur Vorsorge, das ist die praktische Antwort auf ein Weltbild, das dich abhängig sehen will. Jeder Sparplan ist ein „f*** dich“.

2. Rechne nach, statt zu schätzen. Die meisten Frauen unterschätzen ihre Rentenlücke deutlich. Zahlen nehmen Angst, weil sie das Problem bearbeitbar machen.

3. Sorgearbeit ist Familiensache, nicht Frauensache. Wer für die Familie beruflich zurücksteckt, reißt ein Loch in die eigene Rente. Das ist ein gemeinsames Problem – und die faire Antwort ist ein monatlicher Ausgleich in die private Vorsorge der Person, die zurücksteckt. Aufs eigene Konto. Nicht romantisch? Unromantisch ist Altersarmut.

4. Nenn es beim Namen. Wenn Frauenfeindlichkeit als „Kulturkampf“ oder „Debatte“ gerahmt wird: Es ist eine politische Ideologie, die auf Ungleichheit zielt.

5. Unterstütze die, die im Feuer stehen. Frauenhäuser, Gewaltschutz, Gleichstellungsstellen, Beratungsstellen. Das sind die 169.

6. Und geh wählen.


Meine Kinder wachsen in einem Land auf, in dem eine Partei, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist, behandelt wird wie eine Partei unter vielen. Das ist der Teil, der mir Angst macht – nicht der Mann auf dem Cover, sondern die Selbstverständlichkeit drumherum.

Ich kann das nicht allein ändern. Aber ich kann meiner Tochter beibringen, wie Geld funktioniert. Ich kann dafür sorgen, dass sie ein eigenes Depot hat, bevor sie ein eigenes Konto braucht. Dass sie nie in die Lage kommt, in der meine Mutter war und viele andere Frauen: auf etwas angewiesen zu sein, das nicht kommt.

Hedwig Dohm hat 1902 geschrieben, ihr Buch sei eine Verteidigung, kein Angriff. Ich finde: Nach 124 Jahren dürfen wir damit aufhören.

Selbstwirksamkeit wird nicht erklärt. Sie wird vorgelebt.

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Dieser Artikel enthält Tatsachenbehauptungen mit Quellenangabe und – klar gekennzeichnet – meine persönliche Meinung. Er ist Finanzbildung und politische Meinungsäußerung, keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

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