Es gibt einen Satz, den ich nicht mehr hören kann: „Teilzeit ist doch deine Entscheidung.“
Als wäre es eine freie Wahl zwischen zwei gleichwertigen Optionen. Als gäbe es flächendeckend Betreuung bis 17 Uhr. Als würde Care-Arbeit sich selbst erledigen. Und als würde diese „Entscheidung“ nicht einen Preis haben, den dir beim Unterschreiben des Teilzeitvertrags niemand nennt.
Heute rechnen wir diesen Preis aus. Spoiler: Er ist höher, als die meisten denken. Und danach reden wir darüber, warum das kein privates Problem ist – sondern ein politisches.
Wie die Rentenformel Teilzeit bestraft
Die gesetzliche Rente funktioniert nach einem simplen Prinzip: Entgeltpunkte. Wer ein Jahr lang genau den Durchschnittslohn verdient (2026: rund 52.000 Euro brutto), bekommt dafür einen Entgeltpunkt. Wer die Hälfte verdient, bekommt einen halben. Zum Renteneintritt werden alle Punkte zusammengezählt und mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert – derzeit 42,52 Euro pro Punkt und Monat (Stand: Juli 2026).
Das heißt im Klartext: Die Rente kennt keine Lebensrealität. Sie kennt nur dein Bruttogehalt. Ob du nebenbei zwei Kinder großziehst, einen Haushalt schmeißt und Schwiegereltern pflegst – für die Rentenformel hast du „weniger geleistet“.
(Eine Ausnahme gibt es: Für die ersten drei Lebensjahre pro Kind werden dir Kindererziehungszeiten gutgeschrieben, etwa ein Entgeltpunkt pro Jahr. Das federt den Anfang ab. Aber das Kind ist mit drei nicht plötzlich versorgt – die Teilzeitjahre danach zahlst du voll selbst.)
Das Rechenbeispiel: Was 10 Jahre Teilzeit kosten
Nehmen wir wieder Anna, 40, zwei Kinder. Vor den Kindern hat Anna ungefähr Durchschnittslohn verdient – ein Entgeltpunkt pro Jahr. Nach der Elternzeit reduziert sie auf eine halbe Stelle, wie so viele: Fast jede zweite erwerbstätige Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Bei Männern sind es rund 13 Prozent.
Was macht das mit Annas Rente?
- Ein Jahr halbe Stelle statt Vollzeit: 0,5 Entgeltpunkte weniger = rund 21 Euro weniger Rente. Pro Monat. Lebenslang.
- Klingt harmlos? Rechne weiter: Bei 20 Jahren Rentenbezug sind das über 5.000 Euro – für ein einziges Teilzeitjahr.
- Anna bleibt 10 Jahre auf der halben Stelle: 5 Entgeltpunkte weniger = rund 213 Euro weniger Rente pro Monat. Über 20 Rentenjahre: mehr als 51.000 Euro.
Einundfünfzigtausend Euro. Das ist kein Rundungsfehler. Das ist ein Kleinwagen plus zehn Jahresurlaube – bezahlt von der Person, die in diesen zehn Jahren nachmittags Hausaufgaben betreut, Arzttermine organisiert und den Familienalltag am Laufen gehalten hat. (Alles vereinfacht mit heutigen Werten gerechnet, ohne künftige Rentenanpassungen – die Größenordnung ist der Punkt.)
Und Anna ist noch ein gnädiges Beispiel. Wer nach den Kindern nur mit 30 Prozent wieder einsteigt, wer Angehörige pflegt, wer alleinerziehend jeden Tag jongliert – bei denen wird die Lücke noch größer.
Und wenn du noch weniger verdienst?
Die Formel kennt keine Untergrenze. Bei 20.000 Euro brutto im Jahr sammelst du etwa 0,38 Entgeltpunkte – rund 16 Euro Monatsrente pro gearbeitetem Jahr. Selbst 30 solcher Jahre ergeben keine 500 Euro Rente. So entsteht Altersarmut trotz jahrzehntelanger Arbeit.
Ein Auffangnetz gibt es, und es kennt kaum jemand: den Grundrentenzuschlag. Wer mindestens 33 Jahre an Grundrentenzeiten hat (Beschäftigung, Kindererziehung, Pflege) und im Lebensdurchschnitt zwischen 0,3 und 0,8 Entgeltpunkten pro Jahr liegt, bekommt seine Punkte automatisch aufgewertet – ohne Antrag, die Rentenversicherung prüft das von sich aus. Das schließt die Lücke nicht, aber es mildert sie. Wichtig zu wissen: Wer im Schnitt unter 0,3 Punkten liegt – etwa durch viele Minijob-Jahre ohne eigene Beiträge –, geht auch hier leer aus.
„Dann arbeite doch einfach mehr“
Genau hier wird es politisch. Denn dieser Ratschlag kommt gerade von ganz oben.
Im Juli 2026 verteidigte Bundeskanzler Friedrich Merz die geplante Kürzung des Unterhaltsvorschusses – der künftig nur noch bis zum 16. Geburtstag gezahlt werden soll – mit dem Argument, Alleinerziehende könnten dank besserer Betreuungsangebote ja mehr arbeiten. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter nannte das einen „Schlag ins Gesicht“. Zu Recht. Denn die Fakten sind: Alleinerziehende Mütter arbeiten häufiger in Vollzeit als Mütter insgesamt. Alleinerziehende tragen trotzdem eines der höchsten Armutsrisiken in diesem Land. Und der Unterhaltsvorschuss springt genau dann ein, wenn der andere Elternteil nicht zahlt – Geld, das den Kindern zusteht.
Ich schreibe das nicht aus akademischer Distanz. Ich war lange alleinerziehend. Der letzte Unterhalt für meinen Sohn kam zu seiner Einschulung. Ich weiß, was es heißt, sich jeden Monat durchzurechnen und trotzdem bei null zu landen. Diese Kürzung hätte auch mich beinahe getroffen und trifft so viele. Deshalb macht sie mich wütend.
Wütend macht mich auch der Kontrast: Vor der Wahl waren neue Schulden das Allerletzte, was infrage kam. Danach wurden Kreditermächtigungen in historischer Höhe beschlossen – Hunderte Milliarden für Infrastruktur und Verteidigung. Über deren Sinn kann man streiten, das will ich hier lieber nicht. Aber wenn gleichzeitig ausgerechnet bei der Gruppe mit dem höchsten Armutsrisiko gekürzt wird, bei Menschen, die sich jeden einzelnen Tag aufreiben, dann ist das eine Prioritätensetzung. Und sie zeigt, wie weit die Entscheider von der Lebensrealität der meisten Menschen in diesem Land entfernt sind.
Was du daraus machst – heute
Ich kann die Rentenformel nicht ändern und die Politik nicht von hier aus. Aber ich weigere mich, daraus Ohnmacht zu machen. Denn ein paar Dinge liegen in deiner Hand:
1. Kenne deinen Preis. Wenn du in Teilzeit bist oder es planst: Rechne aus, was es dich kostet. Nicht um dir Angst zu machen – sondern um informiert zu entscheiden und verhandeln zu können. Hier geht’s zur Anleitung: Rentenlücke berechnen
2. Mach Care-Arbeit zur Familienrechnung. Wenn du wegen der gemeinsamen Kinder reduzierst, ist deine Rentenlücke keine Privatsache, sondern eine Familienangelegenheit. Eine Möglichkeit: Der Partner gleicht die Differenz aus – zum Beispiel über eine monatliche Rate in deine private Altersvorsorge. Das ist nicht unromantisch – es ist ein Zeichen Wertschätzung deiner Arbeit und wie sehr deinem Partner deine Zukunft am Herzen liegt.
Unromantisch ist Altersarmut.
3. Fang an zu investieren – auch mit kleinen Beträgen. Gerade wenn die Rente kleiner ausfällt, zählt jeder Monat, den dein Geld für dich arbeitet. Wie du startest, zeigt dir mein kostenloser 5-Schritte-Fahrplan zum ersten ETF-Sparplan.
4. Bleib laut. Erzähl anderen Frauen von diesen Zahlen. Die Rentenformel bestraft Teilzeit seit Jahrzehnten – aber sie tut es im Verborgenen. Sichtbarkeit ist der erste Schritt zur Veränderung.
Mut zahlt sich aus. Und Wut, richtig eingesetzt, auch.
Christina

Stand: Juli 2026. Zahlen: Deutsche Rentenversicherung (Rentenwert 42,52 €), Statistisches Bundesamt. Rechenbeispiele vereinfacht mit heutigen Werten, ohne künftige Rentenanpassungen. Gesetzliche Regelungen können sich ändern. Alle Inhalte sind Finanzbildung, keine Anlageberatung.
